Ein Nachruf auf Gabriel Barkay von Thomas Paul Schirrmacher
(Bonn, 03.02.2026) Dr. Gabriel Barkay (1944–2026) war ein bahnbrechender israelischer Archäologe, geboren in Ungarn als Holocaust-Überlebender und mit sechs Jahren nach Jerusalem gekommen, wo die Stadt zu seiner lebenslangen Leidenschaft wurde.
Er erwarb 1967 seinen Bachelor summa cum laude an der Hebräischen Universität und 1985 seinen Doktortitel summa cum laude an der Universität Tel Aviv, unter Meistern wie Yigael Yadin und David Ussishkin. Als Professor an der Bar-Ilan-Universität lehrte er biblische Archäologie, Jerusalem-Studien und Epigraphik und war bekannt für sein enzyklopädisches Gedächtnis und fesselnde Vorträge.
Barkays Ruhm gründet auf der Auffindung der Silberrollen von Ketef Hinnom 1979 – den ältesten bekannten biblischen Texten mit dem priesterlichen Segen aus Numeri (ca. 600 v. Chr.). Die Silberrollen mit dem hohepriesterlichen Segen gelten als älteste bisher gefundene schriftliche Belege für den aaronitischen Segen und zeigen, dass dieser Segen bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. in Jerusalem in Gebrauch war. Sie sind deshalb von großer Bedeutung, weil sie die frühe religiöse Praxis und die Verbindung zwischen Tempelkult, persönlicher Frömmigkeit und der Vorstellung von göttlichem Schutz im Leben wie im Tod anschaulich belegen.
Er gründete 2004 das Temple Mount Sifting Project mit, rettete über 500.000 Artefakte aus illegal entnommenem Erdreich vom Tempelberg und beleuchtete Jerusalems Geschichte von der Bronzezeit bis zur osmanischen Zeit. Mit dem Israel-Preis für Archäologie 1996 und dem Moskowitz-Preis für Zionismus 2014 geehrt, verband Barkay Wissenschaft und Fürsprache und schützte leidenschaftlich antike Orte inmitten politischer Spannungen. Sein lebendiges Erzählertalent und seine unermüdliche Wahrheitssuche inspirierten Generationen und machten ihn zum „Dekan der biblischen Archäologie“.

Das Temple Mount Sifting Project (auch bekannt als Tempelberg-Sichtungsprojekt) in Jerusalem ist ein archäologisches Projekt, das 2004 von Dr. Gabriel Barkay und Zachi Dvira gegründet wurde. Es widmet sich der systematischen Durchsicht von etwa 400 Lasterladungen Erdaushub, die in den späten 1990er Jahren illegal ohne archäologische Begleitung vom Tempelberg entfernt und im Kidrontal abgekippt wurden – insbesondere im Zuge des ungenehmigten Baus der El-Marwani-Moschee in den sogenannten Ställen Salomos durch die Waqf-Behörde. Der Oberste Gerichtshof Israels erlaubte 2004 die Untersuchung dieses Schutts, um die wertvollen Artefakte zu retten und die Geschichte des Ortes zu rekonstruieren.
Ziel ist die Bergung und Analyse von Kleinfunden wie Keramikscherben, Münzen, Siegeln und Knochen, die aus allen Perioden Jerusalems stammen (von der Bronzezeit bis zum Osmanischen Reich), um den stratigraphischen Kontext des Tempelbergs zu rekonstruieren, da direkte Ausgrabungen dort unmöglich sind. Dr. Barkay leitete das Projekt als Mitdirektor bis zu seinem Tod im Januar 2026 im Alter von 81 Jahren. Unter den Tausenden Funden befinden sich byzantinische Mosaike, Kreuzfahrer-Medaillen und jüdische Ritualgegenstände, die Einblicke in die vielschichtige Geschichte des Ortes geben.

Alexander Schick erinnert sich:
„Gaby, wie er genannt wurde, war sich nie zu schade, auch Touristen die Bedeutung der Funde vom Tempelberg zu erklären. Über 40 Jahre lehrte er am Jerusalem University College (Institute of Holy Land Studies) und unterrichte auch viele der heutigen evangelikalen Jerusalem-Wissenschaftler. Er gilt heute schon als einer der Giganten in der Archäologie von Jerusalem und Israel. Selten wurde einem israelischen Archäologen weltweit ein solcher Respekt gezollt, wie dies bei Prof. Bakays Tod geschah. Nachrufe auf ihn finden sich in The Jerusalem Post, The Times of Israel und der New York Times. Ein ganz Großer ist von uns gegangen. Seine Liebe zu Israel und Jerusalem steckte jeden an, der ihn kennenlernen durfte.“
Downloads und Links
- Foto 1: Thomas Schirrmacher und Gabriel Barkay bei der Arbeit, Relikte vom Tempelberg zu sichten © Thomas Schirrmacher
- Foto 2: Alexander Schick verweist auf seinen Artikel im Tempelberg-Siebprojekt © Bibelausstellung Sylt/Alexander Schick
- Foto 3: Das Tempelberg-Siebprojekt © Bibelausstellung Sylt/Alexander Schick
- Foto 4: Die Silberrolllen mit dem Aaronitischen Segen © Bibelausstellung Sylt/Christian Walker
- Foto 5: Gabriel Barkay und Thomas Schirrmacher beim Tempelberg-Siebprojekt © Thomas Schirrmacher
- Foto 6: Gabriel Barkay bei der Arbeit, dem Auswaschen von Aushub vom Tempelberg © Bibelausstelung Sylt