Ein Beitrag von Thomas Schirrmacher und Richard Howell
(Bonn, 09.02.2026) Die indische Regierung begeht den Todestag von Mahatma Gandhi am 30. Januar offiziell als Tag der Märtyrer. Er ist in Hindi auch als Shaheed Diwas bekannt und markiert den Tag im Jahr 1948, an dem Gandhi von Nathuram Godse ermordet wurde. Es ist ironisch, dass Premierminister Narendra Damodardas Modi diesen Tag feiert, während er in Indien genau das praktiziert, wofür Nathuram Godse, der Attentäter, stand.
Regierungsmitglieder Indiens und der Bundesstaaten, darunter der Premierminister, versammeln sich um 11 Uhr morgens in Raj Ghat oder Gandhi Smriti in Delhi, um Ehrungen vorzunehmen, Kränze niederzulegen und eine zweiminütige nationale Schweigeminute abzuhalten. Die Veranstaltungen betonen Gandhis Vermächtnis der Gewaltlosigkeit und nationalen Opferbereitschaft, mit Ausstellungen und Gebeten, die landesweit stattfinden. Gleichzeitig sind die landesweiten Handlungen der Polizei und anderer staatlicher Stellen das Gegenteil von dem, wofür Gandhi stand, da diese bösartigen Praktiken Tag für Tag stattfinden.
Gandhi lehnte die Idee eines explizit „hinduistischen Staates“ ab und setzte sich für ein säkulares Indien ein, in dem alle Religionen den gleichen Respekt genießen und koexistieren. Er warnte ausdrücklich davor, Indien in einen Staat „nur für Hindus“ zu verwandeln, da er dies als Bedrohung für die nationale Einheit und das Überleben des Landes ansah. Gandhi betrachtete Indien als eine religiös vielfältige Gesellschaft und setzte sich für eine Staatsordnung ein, die keine Religion zur Staatsreligion erhebt. Anstelle einer Trennung von Religion und Politik nach westlichem Vorbild forderte er einen Staat, der allen Glaubensrichtungen gleichen Respekt entgegenbringt.
Gandhi war persönlich tief im Hinduismus verwurzelt und sah darin einen Kernbestandteil der indischen Kultur. Gleichzeitig kritisierte er Bewegungen, die den Hinduismus zu einer nationalistischen Ideologie der Überlegenheit machten, und lehnte ausschließlich hinduistisch orientierte Staatsdefinitionen ab. Er betonte wiederholt, dass Hindus und Muslime „wie Brüder“ seien, die derselben politischen Gemeinschaft angehörten. Für ihn bedeutete dies, dass ein freies Indien politisch offen für alle Religionsgemeinschaften sein müsse und nicht als „Hindu-Rashtra“ (Hindu-Nation) definiert werden dürfe.
Gandhi würde sich gegen die heutige Hindutva unter Premierminister Modi aussprechen und sie als Verrat am wahren Hinduismus verurteilen, indem er Gewaltlosigkeit, religiöse Gleichheit und Einheit über Vorherrschaft und Spaltung stellen würde. Er kritisierte zeit seines Lebens Hindutva-ähnliche Ideologien, weil sie Hass und Ungleichheit schürten, und betrachtete sie als Widerspruch zu seiner Vision eines pluralistischen Indiens, in dem alle Glaubensrichtungen wie Brüder koexistieren. Gandhi lehnte jede Vorstellung von der Überlegenheit der Hindus ab und bestand darauf, dass der Hinduismus durch Liebe und Dienst an allen gedeiht, nicht durch die Herrschaft über Muslime oder Minderheiten. Er würde Modis Politik wie das Staatsbürgerschaftsänderungsgesetz als Schaffung eines „Anderen“ durch Ausgrenzung verurteilen und damit seine Warnungen vor einer Spaltung der Gesellschaft nach Religionen wiederholen.
Gewaltlosigkeit (ahimsa) prägte Gandhis Politik; er lehnte Hindutvas Förderung von Selbstjustiz, Lynchmorden und institutioneller Voreingenommenheit gegenüber Muslimen als feige und unhinduistisch ab. Gandhi fastete gegen kommunale Gewalt und forderte Hindus auf, Minderheiten zu schützen, womit er direkt die Rhetorik der RSS-BJP herausforderte, die Andersdenkende als Bedrohung bezeichnet.
Gandhi setzte sich für Sarva Dharma Sambhava ein – die gleiche Achtung aller Religionen – gegen Hindutvas Hindu Rashtra, das er als unsicher und zerstörerisch für die nationale Einheit ansah. Er würde Modis Tempelweihen auf Moschee-Geländen und die Überarbeitung von Schulbüchern als Auslöschung der Vielfalt kritisieren und argumentieren, dass wahrer Hinduismus andere aufnimmt und erhebt, statt mit Gewalt zu assimilieren.
Um zu verstehen, warum Gandhis Vision naiv und in Indien zum Scheitern verurteilt war, müssen wir seine Philosophie und seine religiösen Ansichten in einem breiteren Kontext betrachten. Dazu gehört auch seine komplexe Beziehung zwischen Hinduismus, Christentum und westlichem Menschenrechtsdenken.
Gandhi aus christlicher Sicht
Mohandas Karamchand Gandhi (02.10.1869–30.01.1948), später bekannt als Mahatma Gandhi, war der politisch und geistig wichtigste Führer des unabhängig werdenden Indiens. Nach seinem Jurastudium in England sammelte Gandhi Erfahrungen mit dem ‚gewaltfreien‘ Widerstand gegen die Engländer als Rechtsanwalt in Südafrika im Kampf für die Rechte der Inder. Nach Indien zurückgekehrt, kämpfte er um die Unabhängigkeit Indiens, um die ‚Hindu-Muslim-Einheit‘, um die Beseitigung des Kastenwesens, und zwar besonders zur Rehabilitation der Parias, der ‚Unberührbaren‘ (Kastenlosen), die Gandhi als „Harijans“, Kinder Gottes, bezeichnete. Gandhis wesentliches Werkzeug war die ‚Gewaltlosigkeit‘, das heißt der Kampf durch Mittel wie Streik, Steuerverweigerung, Menschenblockaden und Hungerstreik, die bis heute viele Nachahmer der unterschiedlichsten Richtungen gefunden haben.
Gandhi galt und gilt Generationen von alternativen Denkern als Leitfigur. Der deutsche Gandhiforscher Michael Blume versteht Gandhis Programm etwa als ideale Grundlage „für die gewaltfreie Opposition in den westlichen Industriestaaten und jene weltweite Alternativbewegung, die sich als Friedensbewegung, als ökologische Bewegung, als Frauenbewegung, als Klassenkampf oder als Befreiungsbewegung in der Dritten Welt versteht.“
Gandhi gilt in Indien zwar als Nationalheiliger, seine Überzeugungen spielten und spielen seit seinem Tod in seinem Heimatland aber kaum noch eine Rolle. Im Gegensatz dazu hat Gandhi eine erstaunliche Wirkungsgeschichte in der christlichen Welt gehabt. Er wird oft in einem Atemzug mit Martin Luther King als Vordenker christlicher politischer Ethik genannt, als sei er wie dieser ein christlicher Theologe gewesen. Dahinter steht jedoch meist weniger ein gründliches Studium der umfangreichen Schriften Gandhis (z. B. von Gandhis programmatischer Schrift Sarvodaya [Wohlfahrt für alle]), als ein an Heiligenlegenden erinnernder festgefügter Traditionsstrang.
Wie Gandhi etwa zum Helden der Frauenbewegung werden konnte, obwohl er seine Prinzipien nie auf seine Frau anwandte und die Frauen bei den Engländern sicher mehr Rechte hatten als bei den Hindus und bei Gandhi, ist schwer zu verstehen. Auch die Antirassismusbewegung hat mit Gandhi ein unpassendes Idol gewählt, hat sich Gandhi doch schon in Südafrika nicht für das Schicksal der Schwarzen interessiert und auch in Indien den indisch-hinduistischen Nationalismus nie wirklich bekämpft.
Ohne in irgendeiner Weise die Ungerechtigkeit der Kolonialherrschaft rechtfertigen und ohne damit alle Verdienste Gandhis entwerten zu wollen, muss doch der oft gepriesene Erfolg Gandhis entgegen der Traditionsbildung kritisch hinterfragt werden.
1. Die Unabhängigkeit Indiens war eher ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und der globalen Folgen für den Kolonialherr als der des gewaltlosen Widerstandes, den Ghandi anführte, zumal es zunehmend durchaus auch Gewalt einsetzende Kräfte in Indien gab.
2. Der gewaltlose Widerstand funktionierte nur, weil Gandhi in Großbritannien einen noch weitgehend christlich denkenden Gegner hatte. Gandhi hat die britischen Christen mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Wären die Engländer Muslime oder Hindus gewesen, hätte Gandhis Weg wohl kaum Erfolg gehabt.
3. Gandhis verkündigte Hindu-Muslim-Einheit ist vollkommen gescheitert. Die Unabhängigkeit endete in einem riesigen Blutbad flüchtender Muslime und Hindus, Millionen von Toten und einer Spaltung des Landes in zunächst zwei Länder. Die Folgen dieser Spaltung und die gewaltsamen Spannungen zwischen Hindus und Muslimen sind bis heute nicht überwunden. Nicht zuletzt wurde Gandhi selbst bei seiner Ermordung ein Opfer der Gewalt zwischen Hindus und Muslimen.
4. Die Aufhebung der Kasten fand zwar Eingang in die indische Verfassung, zunächst jedoch nicht in den Alltag Indiens. Die Verfassung Indiens spiegelt dabei nicht das Denken Gandhis oder hinduistische politische Traditionen wider, sondern eher christliche, angelsächsische und Dalit-Traditionen.
Auch zur großen Wirkungsgeschichte Gandhis in der christlichen Welt sind einige kritische Anmerkungen zu machen.
1. Gandhi hat viele hinduistische Praktiken, wie etwa das Vegetariertum, erst durch Vermittlung von Europäern, die in der Abkehr vom christlichen Abendland ihr Heil in den Lehren anderer Religionen suchten, kennengelernt. Deswegen war sein Glaube eine bereits teilweise europäisierte Form der indischen Tradition.
2. Gandhi wurde maßgeblich von europäischen Denkern wie Rousseau, Ruskin und Thoreau, vor allem aber von den Schriften Leo Tolstois – etwa von dessen neuverfasster und stark geänderter Lebensgeschichte Jesu – beeinflusst. Mit Tolstoi, dessen Idee, dass man sich dem Bösen nicht widersetzen dürfe, er im hinduistischen Sinne der ahimsa (Nichtschädigung lebendiger Wesen) und der asahayoga (Nichtmitwirken mit dem Übel) verstand, wechselte er – später veröffentlichte – Briefe. Christliches Gedankengut lernte Gandhi zunächst wohl nur auf diesem Umweg kennen. Erst als berühmter Mann lernte er das eigentliche Christentum näher kennen.
3. Trotz seiner christlichen Gesprächspartner und vieler Einladungen als Teilnehmer und Redner zu christlichen Konferenzen und Großveranstaltungen war Gandhi ein energischer Gegner der christlichen Mission und ließ nur das als christlich gelten, was den ererbten und früh in ihm gefestigten Lehren des indischen Jainismus entsprach. So rühmte er zwar Bibel und Koran (Ges. Werke XXI, S. 246; XXVIII, S. 111), lehnte aber ihre traditionelle Auslegung ab und setzte sein eigenes Verständnis der Texte an deren Stelle.
4. Gandhi ist kein Anhänger des Hinduismus gewesen, wie ihn die Mehrheit der Inder versteht oder praktiziert, sondern wurde maßgeblich von zwei indischen Religionen beeinflusst, die sich aus dem Hinduismus entwickelt haben, dem Jainismus und dem Theravada-Buddhismus. Nur so ist zu verstehen, wie Gandhi die Überlegenheit der indischen Kultur und einen Universalitätsanspruch des Hinduismus (vgl. sein Glaubensbekenntnis, Ges. Werke XXI, S. 245–246) vertreten und zugleich das hinduistische Kastenwesen und den hinduistischen Kampf gegen die Muslime ablehnen konnte. Oberstes Lebensziel war für ihn die durch mehrere Wiedergeburten hindurch zu erlangende moksha, also die ‚Erlösung‘ bzw. ‚Selbstverwirklichung‘ im hinduistischen Sinne, die Christen nur als eine ‚Selbstauflösung‘ begreifen können.
Dr. Dr. Thomas Schirrmacher ist Präsident des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit und erhielt 2006 und 2025 zwei Ehrendoktorwürden aus Indien für sein vierzigjähriges Engagement im Bildungswesen Indiens.
Dr. Richard Howell ist ehemaliger langjähriger Generalsekretär der Asiatischen Evangelischen Allianz und ihrer Schwesterorganisation in Indien sowie Rektor und Präsident des Caleb-Instituts in Nordindien.
Das englische Original erschien zuerst als Meinungsartikel „Ghandi in alternate perspectives“ in Christian Daily International https://christiandaily.com/news/ghandi-in-alternate-perspectives
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- Foto: Bischof Richard Howell aus Indien und Thomas Schirrmacher übergeben Papst Franziskus Berichte zur Christenverfogung in Indien der Katholischen Bischofskonferenz und der Evangelischen Allianz © Osservatore Romano 242459_27062018