BQ 913 – 18/2026
Das IIRF trauert um den kürzlich verstorbenen Prof. Pieter Coertzen

Von Christof Sauer und Thomas Schirrmacher, Gründungsdirektoren des IIRF

(Bonn, 20.03.2026) Das Internationale Institut für Religionsfreiheit (IIRF) trauert um Prof. Dr. Pieter Coertzen, einen angesehenen südafrikanischen Theologen und Kirchenrechtsexperten aus Stellenbosch, der am 11. März 2026 verstorben ist. Pieter Coertzen war eines der wichtigsten Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit sowie des Redaktionsbeirats des International Journal for Religious Freedom (IJRF).

Akademische Laufbahn

Pieter Coertzen wurde am 20. April 1943 in der Berg­baustadt Boksburg in der Provinz Gauteng, Südafri­ka, geboren und erwarb mehrere Abschlüsse cum laude an der Potchefs­troom University und der Universität Stellenbosch, darunter 1976 einen Dok­tortitel in Ekklesiologie. Ab 1977 war er als Dozent für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Stellen­bosch tätig, wurde 1988 zum Professor ernannt, war Leiter des Lehrstuhls für Syste­matische Theologie und Ekklesiologie und von 1995 bis 1997 Dekan der Theologi­schen Fakultät. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2004 war er durchgängig als außerordentlicher Professor für Vergleichendes Kirchenrecht in Stellenbosch und an der Fakultät für Kirchenrecht der Katholischen Universität Löwen in Belgien tätig.

Kirchlicher Dienst

Bevor er in die Wissenschaft wechselte, arbeitete Coertzen als Pfarrer in Gemeinden der Niederländisch-Reformierten Kirche in Dundee und Potchefstroom (1970–1976) und später als assoziierter Pfarrer in Franschhoek (1995–2008). Von 1991 bis 2004 war er als Actuarius für die Synoden der Niederländisch-Reformierten Kirche auf Provinzebene und auf nationaler Ebene in Fragen des Kirchenrechts beratend tätig.

Wissenschaftliches Vermächtnis

Als produktiver Autor veröffentlichte er zahlreiche Artikel in verschiedenen Fachzeit­schriften, allein 36 im Niederländisch-Reformierten Theologischen Journal (NGTT), das er viele Jahre lang herausgab. Er verfasste 14 Bücher, darunter „Die Hugenotten Südafrikas 1688–1988“ und „Anständig und in Ordnung: Eine theologische Reflexion über Ordnung für und in der Kirche“ (beide auf Afrikaans und Englisch erschienen), sowie 26 Werke als Mitautor, von denen viele ins Englische übersetzt wurden. Seine Fachkenntnisse prägten den Diskurs über Religionsfreiheit maßgeblich, insbesondere während des Übergangs Südafrikas zur Demokratie. In Sammelbänden wie „Law and Religion in Africa: The Quest for the Common Good in Pluralistic Societies“ untersuch­te er Spannungen zwischen kirchlicher Autonomie, staatlicher Regulierung und Men­schenrechten in unterschiedlichen Gesellschaften und setzte sich für ausgewogene recht­liche Rahmenbedingungen ein, die Glaubensgemeinschaften schützen und gleichzei­tig den verfassungsmäßigen Pluralismus wahren.

Südafrikanische Charta der religiösen Rechte und Freiheiten

Coertzen war nicht nur ein Theologe der Religionsfreiheit, sondern auch ein wichtiger Architekt und Förderer der südafrikanischen Charta, die bis heute prägt, wie Reli­gionsgemeinschaften ihre Rechte in einer pluralistischen Post-Apartheid-Gesellschaft verstehen und ausüben.

Pieter Coertzen spielte eine zentrale und prägende Rolle bei der Entwicklung der süd­afrikanischen Charta der religiösen Rechte und Freiheiten, die weit über ein rein aka­demisches Interesse an dem Thema hinausging. Er leitete die Gruppe aus religiösen Führern, Theologen und Juristen, die die Charta von 2008 bis 2010 entwarf.

In dieser Funktion prägte er die theologische Tiefe des Dokuments, seine juristische Stringenz sowie seinen ökumenischen und interreligiösen Charakter und stellte sicher, dass es die Überzeugungen und Anliegen eines breiten Spektrums von Glaubensge­meinschaften widerspiegelte. Seine Arbeit an der Charta und der begleitenden „Erläu­terung“ trug dazu bei, das verfassungsmäßige Recht auf Religionsfreiheit in einen praktischen, einvernehmlichen Rahmen zu übersetzen, den religiöse Institutionen selbst in der südafrikanischen Gesellschaft vertreten und fördern konnten.

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit und der Direktor seines Büros in Kap­stadt gehörten zu denjenigen, die sich kritisch mit dem ersten Entwurf auseinander­setzten, internationale Erfahrungen mit Ethikkodizes einbrachten, an Sitzungen teil­nahmen, die endgültige Fassung der Charta befürworteten und sie über ihr Internatio­nal Journal for Religious Freedom verbreiteten.

Später, nachdem die Charta verabschiedet worden war, fungierte Coertzen als Vor­sitzender des „South African Council for the Protection and Promotion of Religious Rights and Freedoms“, dem von religiösen Institutionen gegründeten Gremium zur konkreten Umsetzung der Charta. In dieser Führungsrolle koordinierte er die Zusam­menarbeit zwischen verschiedenen Glaubensgemeinschaften, vertrat den Rat in öffentlichen und politischen Debatten und trug dazu bei, dass Religionsfreiheit nicht nur vor Gericht, sondern auch in Schulen, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Diskurs verteidigt wurde.

Er gab 2017, obwohl gesundheitliche Ein­schränkungen sein weiteres persönliches En­gagement verhinderten, auch den Anstoß zur Entwicklung des „Verhaltenskodex für Religionen in Südafrika“, der auf der Charta basiert und eine stärkere freiwillige Rechenschaftspflicht innerhalb religiöser Gemeinschaften fördern soll.

In dieser Angelegenheit standen Coertzen und andere Mitglieder des IIRF über die Jahre Seite an Seite und widersetzten sich Versuchen der Kommission zur För­derung und zum Schutz der Rechte kultureller und sprachlicher Gemeinschaften (CRL Rights Commission), einer durch die südafrikanische Verfassung mandatierten Ein­richtung, eine Regulierung der Religion durchzusetzen.

Engagement beim IIRF

Christof Sauer, einer der Gründungsdirektoren des IIRF, der damals in Kapstadt, Süd­afrika, ansässig war, erinnert sich: „Prof. Coertzen war 2004 im Alter von 60 Jahren aufgrund eines neuen Gesetzes oder einer neuen Verordnung gerade gezwungen worden, als Professor der Theologischen Fakultät in Stellenbosch in den Ruhestand zu treten. Zu dieser Zeit war ich an der Organisation der Jahreskonferenz der Sou­thern African Missiological Society beteiligt, die im Januar 2005 in Stellenbosch statt­fand. Als sich das International Institute for Religious Freedom ab 2005 zu entwickeln begann und einen seiner Sitze in Kapstadt hatte, lag es daher nahe, eine Zusammen­arbeit mit Prof. Coertzen anzustreben. Coertzen war damit beschäftigt, die „Unit for the Study of Law and Religion“ als Teil des „Beyers Naudé Center for Public Theology“ der Theologischen Fakultät in Stellenbosch aufzubauen.“

Im Laufe der Zeit wurde Coertzen Mitglied des Akademischen Beirats des IIRF sowie des Redaktionsbeirats des International Journal for Religious Freedom (2011–2023).

Im Jahr 2013 nahm Coertzen zudem an der ersten internationalen Konsultation des IIRF zur Religionsfreiheitsforschung in Istanbul teil, wo er die Auswirkungen der süd­afrikanischen Charta der Religionsrechte auf die großen Religionen in Südafrika und deren Institutionen thematisierte.

ICLARS und ACLARS

Coertzens akademisches Interesse an Religions- und Weltanschauungsfreiheit war eng mit dem International Consortium for Law and Religion Studies (ICLARS) ver­flochten, und er gehörte zu dessen Führungsgremien. Darüber hinaus war er maßgeb­lich an der Gründung der entsprechenden afrikanischen Vereinigung, ACLARS, im Jahr 2014 beteiligt. Im Mai 2014 organisierte Coertzen die zweite Konferenz zu Recht und Religion in Afrika, die an der Universität Stellenbosch stattfand. Dort wurde das African Consortium for Law and Religion Studies (ACLARS) offiziell ins Leben geru­fen – mit Prof. Coertzen als Präsident (2014–2019). Sauer erinnert sich: „Der Kontakt zu Prof. Coertzen ebnete mir den Weg für meine eigene Teilnahme an zahlreichen Kon­ferenzen von ICLARS und ACLARS seit 2014. Das trug maßgeblich dazu bei, das IJRF und die akademische Buchreihen des IIRF unter Wissenschaftlern der Rechts- und Religionswissenschaften international bekannt zu machen.“

Forum

Prof. Coertzen wurde, wahrscheinlich aufgrund seiner Verbindung zu Prof. W. Cole Durham Jr. (Präsident sowohl von ICLARS als auch von IF20), auch Mitglied des Bei­rats der G20 Interfaith Forum Association (IF20), die religiöse Weisheit, wissenschaft­liche Expertise und globale Netzwerke mobilisiert, um Lösungen für die drängendsten politischen Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Im Jahr 2015 sprach Coertzen vor dem „Regional Panel on Interfaith in the Asia-Pacific“ in einer Sitzung zum Thema Religion oder Glaubensrichtungen und nachhaltige Entwicklung.

Experte für die Geschichte der Hugenotten in Südafrika

Prof. Pieter Coertzen leistete zudem bedeutende Beiträge zur Hugenottenforschung durch sein maßgebliches Werk „The Huguenots of South Africa 1688–1988“, das 1988 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Ankunft der Hugenotten in Südafrika sowohl auf Afrikaans als auch auf Englisch veröffentlicht wurde. Es bietet einen bildlichen und historischen Überblick über hugenottische Familien, von ihren Wurzeln in der französischen reformierten Kirche im Jahr 1559 bis hin zu ihrer Ansiedlung und Integration in die südafrikanische Gesellschaft. Dieses Werk festigte seine Rolle als führender Wissenschaftler zum kulturellen, religiösen und demografischen Erbe der Hugenotten in der Region. Er war Vorstandsmitglied und zeitweise Vorsitzender der Huguenot Society of South Africa (1988–2018) sowie Vorsitzender des Vorstands des Huguenot Memorial Museum in Franschhoek bei Stellenbosch (1988–2010) und zu­dem in der Leitung verwandter Einrichtungen tätig.

So war es nur natürlich, dass Coertzen eines von drei Mitgliedern des Akademischen Rates wurde, der die Bibliothek für Hugenottengeschichte, einen unabhängigen Zweig des IIRF, beriet. Die Bibliothek für Hugenottengeschichte (BFHG) wurde 2008 von Daniel Röthlisberger, einem schweizerdeutschen Forscher, gegründet, dem es ein großes Anliegen war, das historische Interesse an den verfolgten Hugenotten mit den Erfahrungen zeitgenössischer Christen zu verbinden, die wegen ihres Glaubens bedrängt werden. Er erinnert sich: „Ich schätzte die akademische Expertise von Prof. Coertzen sehr.“

Das Internationale Institut für Religionsfreiheit und seine Mitarbeiter bewahren die Er­innerung an Prof. Dr. Pieter Coertzen als eine tragende Säule des akademischen, ge­sellschaftlichen und historischen Engagements für Religionsfreiheit im Kontext von Recht und Religion in dankbarer Wertschätzung.

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