BQ 915 – 20/2026
Festrede zu 15 Jahre „Mission Freedom“-Safe Houses

Rede gegen (Zwangs-)Prostitution: „Die Frau wird mehr und mehr zur Ware“

(Bonn, 25.03.2026) Thomas Schirrmacher, Menschenrechtsexperte mit den Schwer­punkten Religionsfreiheit und Menschenhandel, hatte die Ehre, die Festrede anläss­lich des 15-jährigen Jubiläums von Mission Freedom zu halten. Er war vor 15 Jahren an der Gründung der Or­ganisation beteiligt, unter anderem durch sein Buch „Human Trafficking“, eine Veröffentlichung der Inter­nationalen Gesellschaft für Menschenrechte (ISHR). Mission Freedom betreibt Schutzhäuser für Mäd­chen und Frauen, die der Zwangsprostitution ent­kommen sind. Einige der Befreiten arbeiten heute bei Mission Freedom und bedankten sich bei Gaby Wentland, deren Vision im Kampf gegen Zwangs­prostitution nach wie vor die treibende Kraft der Organisation ist, sowie bei Thomas Schirrmacher. Die Veranstaltung fand in der Nähe von Frankfurt statt, unweit des Sitzes der ISHR.

Mission Freedom e.V., der sich seit 2011 gegen Menschenhandel und Zwangsprosti­tution einsetzt, feierte am 31. Januar 2026 sein 15-jähriges Jubiläum. Die Feierlich­keiten fanden in Frankfurt statt und wurden von der Organisation selbst über Social Media ausführlich dokumentiert. Gegründet am 1. Januar 2011 von Gaby Wentland, hat sich der Verein auf vier Säulen spezialisiert: Aufklärung, Ausstiegshilfe, Prävention und Vernetzung. Social-Media-Posts beschreiben die Jubiläumsveranstaltung als Moment „voller Mut, Hoffnung und echter Veränderung“, mit Dank an Unterstützer und Ausblick auf weitere Arbeit. Instagram- und Facebook-Beiträge zeigen emotionale Rückblicke: Ehemalige Kolle­ginnen besuchten das Event und Videos betonen 15 Jahre voller Veränderung.

Thomas Schirrmacher und die Mitarbeiter von Mission Freedom, die in ganz Europa Schutzunterkünfte betreiben © Mission Freedom

Schirrmacher erinnerte sich an seine Eröffnungsansprachen des Safe-House in Ham­burg 2011 und des Safe-House in Frankfurt 2018. Daneben gibt es noch ein Safe-House für Kinder im Allgäu seit 2024. Bisher sind 126 Frauen erfolgreich ausgestie­gen, mit ihnen 36 Kinder. Schirrmacher berichtete auch von seinem weltweiten Ein­satz gegen Prostitution und Menschenhandel, für den er 2025 Dutzende von Ländern wie Mauretanien, Komoren, Guinea, Sao Tome & Principe, Togo, Saudi Arabien, Guyana, Jamaika, Chile und Litauen besuchte, mit den Präsidenten vom Libanon, Kapverden, Senegal und Guinea-Bissau sprach und mit Ministern, zum Beispiel in Mali, Syrien, VAE, Israel, USA und Panama.

Gemäß einer Untersuchung des französischen Gesundheitsministeriums von 2021 ar­beiten in Frankreich 7.000–10.000 Minderjährige, vorwiegend Mädchen, aber auch Jungen, in der Prostitution, so Schirrmacher. In Deutschland soll die Zahl höher lie­gen, aber neuere Untersuchungen fehlen. Sofern Hilfsorganisationen hier Zugang ha­ben, stellen sie fest, dass wenigstens 90 % der Minderjährigen in der engeren oder weiteren Verwandtschaft sexuelle Gewalterfahrungen hatten. Die UNICEF geht von drei bis vier Millionen minderjähriger Prostituierten aus, Wissenschaftler von 10 Millio­nen.

Schirrmacher fragte: „Was geschieht gegen solche himmelschreienden Missstände, in denen sich jeweils für sich schon furchtbare Verbrechen kumulieren, wie Zwangs­arbeit, Folter, Freiheitsberaubung und Dauer-Vergewaltigung von Minderjährigen?“

Der Verein Mission Freedom e. V. betreut auch Frauen ambulant und besucht Ehema­lige in ihren Wohnungen. Mehrere Teams gehen wöchentlich im Streetwork durch Hamburg und Frankfurt und besuchen weit über 100 Frauen im Rotlichtmilieu. Schulungen an Schulen, Unis, der Bundeswehr, Polizei und für Gemeinden finden jedes Jahr statt. Schulungen für Streetworker, Anfänger und Teams, die ein Haus öffnen wollen, werden gerne angeboten und wurden oft genutzt. Online gibt es ebenfalls Streetworker Schulungen.

Thomas Schirrmacher dankt Gaby Wentland für ihre Arbeit © Mission Freedom

„Die Frau wird mehr und mehr zur Ware“ (Zwei Auszüge aus der Rede)

1. Gewalt-Pornografie als Wegbereiter der (Zwangs-)Prostitution

Während sich Politiker und oft auch Universitäten in schönen Statements ergehen, findet im Internet und den sozialen Medien eine ständig zunehmende Brutalisierung der Pornografie statt, die Jugendliche, die noch nie ein Mädchen geküsst haben, lehrt, dass Frauen nur dazu da sind, dem Mann einen Or­gasmus zu bescheren und ihm zu willen zu sein. Der sogenannte „Vergewalti­gungsmythos“, dass Frau­en Vergewaltigungsphan­tasien haben und während der Gewalt gegen sie in Erregung geraten, ist all­gegenwärtiger denn je. 2008 warnte ich in mei­nem deutschen und russi­schen Buch „Internetpor­nografie“ davor, dass die zunehmende Gewalt ge­gen Frauen im Internet auch in die Realität he­rüber schwappt. Die schlimmen Dinge, die ich dabei anführte, muss man angesichts der Realität im Netz 2026 als „Blümchensex“ bezeichnen. Verschiedenste Unter­suchungen zeigen, dass 90 % aller Pornofilme Gewalt in allen Dimensionen bein­halten. Eine neueste Studie zeigt, dass 88 % der Pornodarsteller als Kinder sexuell missbraucht wurden, ähnliche Untersuchungen gab es schon häufiger.

Ein Bericht der Schulaufsicht Großbritanniens kam 2021 zu dem Ergebnis, dass 73 % der Schülerinnen angeben, dass erotische Bilder von ihnen gegen ihren Willen in Umlauf waren. KI hat alles noch verschlimmert, zu „X“ gehört derzeit ein Service, indem man jede Person mithilfe von KI pornografisieren kann. ClothOff ist die verbrei­tetste der Apps, 99 % der damit erstellten Bilder zeigen Frauen.

2024 hat Reuters in einer Artikelserie aufgrund von Recherchen gezeigt, dass viele der Mädchen, die sich bei OnlyFans für Geld ausziehen, von Zuhältern dazu ge­zwungen und terrorisiert werden.

Als Folge steigt auch die Zahl der Pädophilen, die sich nicht direkt an Kindern ver­gehen, ein Beweis, dass das Internet nicht nur seit Jahrhunderten vorhandene biolo­gische Gier bedient, sondern im großen Stil neue Gier erschafft. Ein weiterer Beleg dafür ist ja, dass Pornografie von vor 30 Jahren heute die Pornografienutzer weit­gehend unberührt lässt.

Menschen haben heute mehr Sex alleine, aber immer weniger Partnersex, die Potenzstörungen bei jungen Männern nehmen Jahr für Jahr zu. Das führt zu immer extremerer Nutzung von Pornografie, aber auch zum vermehrten Sex mit Prostituier­ten, die zu abartigen Dingen gezwungen werden, die man von einem normalen Part­ner kaum erwarten kann. Die Zahl von unter 40-jährigen Männern mit Erektiler Dys­funktion hat sich seit 2010 von ca. 3 % auf ca. 30 % verzehnfacht.

Medienrummel während der Veranstaltung © Mission Freedom

2. Das Nordische Modell: Bestrafung der Freier, nicht der Prostituierten

2023 hat das Europaparlament erfreulicherweise das sog. Nordische Modell befürwor­tet, nach dem die Freier bestraft werden, nicht die Prostituierten, indem es den Initia­tivbericht von Maria Noichl zustimmend annahm. Dieser Schritt des Europäischen Parlaments unterstreicht auch nachdrücklich die eindeutige Position, dass Prostitution als eine Form von Gewalt gegen Frauen anzusehen ist. Drei Feststellungen des Be­richts sind zu unterstreichen:

1. Zunahme von Gewalt: Prostituierte erfahren häufiger Gewalt und Ausbeutung als der Durchschnitt. Studien zeigen, dass viele von ihnen körperliche oder sexuelle Ge­walt erleben.

2. Menschenhandel: Es ist nicht möglich Prostitution und Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung strikt voneinander zu trennen, da insbesondere Frauen und Kinder in den meistens Fällen zur sexuellen Ausbeutung gehandelt werden. Welt­weit sind 64 % der Betroffenen zum Zweck der sexuellen Ausbeutung Frauen und 27 % Mädchen. In Deutschland sind 95,2 % der Betroffenen weiblich.

3. Nachfrage: Prostitution und Menschenhandel zum Zwecke sexueller Ausbeutung existieren, weil es die Nachfrage nach käuflichem Sex gibt. Die Entkriminalisierung des Erwerbs sexueller Dienstleistungen erhöht die Nachfrage und fördert Ausbeutung.

Am 25. Juli 2024 verkündete der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sein Urteil in der Rechtssache M.A. und andere gegen Frankreich (Nr. 63664/19), weil 261 in der Prostitution tätige Personen, unterstützt von zahlreichen Nichtregierungsorgani­sationen, den Gerichtshof aufforderten, Frankreich wegen seiner Gesetzgebung von 2016 in Anlehnung an das Nordischen Modell zu verurteilen. Der EGMR bestätigte, dass der französische Staat mit seinem abolitionistischen Modell nicht gegen die Menschenrechte verstoße.

Andererseits stand die Parlamentarische Versammlung des Europarates (PACE) am 3. Oktober 2024 kurz davor, einen Resolutionsentwurf mit dem Titel „Schutz der Men­schenrechte und Verbesserung der Lebensbedingungen von Sexarbeitern und Opfern sexueller Ausbeutung“ (Bericht 16044) anzunehmen, der die vollständige Entkriminali­sierung der Prostitution befürwortete. Der zustän­dige Ausschuss von PACE trat Ende 2024 zusammen und be­schloss mehrheit­lich, die Arbeit an der Re­solution einzustel­len.

Die gesamte Angelegen­heit verdeutlicht jedoch auch die enormen Span­nungen zwi­schen zwei La­gern im UN-Menschen­rechtsrat, wo zwei Sonder­berichterstatter eine aktive Rolle gegeneinander spie­len. Im Fall M.A. und an­dere gegen Frankreich schaltete sich die UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Gesundheit (Tlaleng Mofo­keng) freiwillig in das Verfahren vor dem EGMR ein, um die Liberalisierung der „Sex­arbeit“ zu verteidigen, während die UN-Sonderberichter­statterin für Gewalt gegen Frauen und Mädchen (Reem Alsalem) vehement das Gegenteil, nämlich das abolitio­nistische Modell vertrat.

Die Offensive vor dem EGMR und der PACE trägt die Handschrift der bestens von der Open Society Foundations des Milliardärs George Soros finanzierten militanten inter­nationalen Lobbyarbeit, die von vielen Nichtregierungsorganisationen für die Liberali­sierung der Prostitution geführt wird.

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