BQ 908 – 13/2026
Präsident und Generalsekretär der ISHR besuchen Kurdistan

Ein Bericht von Matthias Böhning

(Bonn, 09.03.2026) Der Präsident und der Generalsekretär der Internationalen Ge­sellschaft für Menschenrechte (ISHR) besuchten Kurdistan, um mehr über die huma­nitäre Hilfsarbeit der ISHR-Sektion Kurdistan zu erfahren und die guten Beziehungen zur Barzani Charity Foundation (BCF), dem wichtigsten Kooperationspartner der ISHR in Kurdistan, zu stärken.

Wir bieten vier Fotogalerien des Besuchs:

Unmittelbar nach ihrer An­kunft in Erbil wurden der Präsident, Thomas Schirr­macher, und der Gene­ralsekretär, Matthias Böh­ning, am Flughafen herz­lich von ISHR-Länderdi­rektor Dr. Krmanj Oth­man, dem Koordinator für hu­manitäre Hilfe im Nahen Osten der deutschen Sek­tion der ISHR, Khalil Al-Rasho, und BCF-Mitarbei­ter Gulistan empfangen. Vom Flughafen aus bega­ben sie sich direkt zu ih­rem ersten Termin mit S. E. Dr. Pishtiwan Sadiq, dem Minister für religiöse Stiftungen, der von Dastan Abdulrahman Ali (verant­wortlich für die Beziehungen im Ministerbüro) gedolmetscht wurde. An dem Treffen nahmen auch Ameel Astefan Mal­ham Hariri (Berater des Ministeriums für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten), Khalid Jamal Alber (Generaldirektor für christliche Angelegenheiten) sowie sein Kollege, der Generaldirektor für yezidische Angelegen­heiten, teil.

Minister für religiöse Stiftungen von Kurdistan, S. E. Dr. Pishtiwan Sadiq, und seine wichtigsten Direktoren mit einer gemeinsamen Delegation der ISHR und der Barzani-Stiftung © ISHR

Während des Treffens wurde auf die sich derzeit verschärfende Notlage der Christen in Kurdistan hingewiesen, die unter den Machenschaften von Rayan Al-Kildani leiden, zu denen auch Landraub gehört. Al-Kildani ist ein chaldäischer Christ aus dem Nord­irak, geboren um 1975. Er präsentiert sich als Verteidiger der Christen und gründete 2018 die Babylon-Brigade (auch bekannt als 50. Bri­gade oder Kataib Babili­youn), eine Miliz unter dem Dach der schiitischen Volksmobilisierungskräfte (PMF/Hashd al-Shaabi). Trotz ihres christlichen Na­mens besteht die Brigade größtenteils aus schiitisch­en Kämpfern aus dem Sü­den des Irak, die vom Iran unterstützt werden. Al-Kil­dani hat enge Verbindung­en zu iranischen Einfluss­gruppen (z. B. der Quds-Brigade) und wurde 2023 von den USA wegen Kor­ruption, Erpressung und Behinderung der Rückkehr vertriebener Christen mit Sanktionen belegt. Nach der Befreiung der Ninive-Ebene vom IS im Jahr 2017 (Völkermord an Christen und Jesiden) kehrten viele der rund 120.000 vertriebenen Christen nicht zurück, weil Milizen wie die Babylon-Brigade Land, Häuser und Klöster besetzt hatten.

Die USA bezeichnen Al-Kildanis Brigade als das „Haupthemmnis“ für die Rückkehr, da sie systematisch Eigentum plündert und enteignet – oft unter dem Vorwand der „Sicherheit“. Davon sind Tausende Hektar in Dörfern wie Qaraqosh, Karamles und dem Nahla-Tal betroffen, wo Christen seit den 1980er Jahren unter Druck stehen (z. B. durch kurdische oder schiitische Siedler). Der Präsident der ISHR erklärte sich bereit, Möglichkeiten zu prüfen, wie die ISHR helfen könnte, was von Dastan Abdul­rahman Ali mit großer Dankbarkeit aufgenommen wurde. Für die sonst respektable Religionsfreiheit in Kurdistan stellt der Fall Al-Kildani eine echte Belastung dar.

Am Nachmittag besuchte die ISHR-Delegation, zu der der Präsident und General­sekretär, die Islamwissenschaftlerin Dr. Esther Schirrmacher und der persönliche As­sistent des ISHR-Präsidenten, Martin Warnecke, der Mitherausgeber des Jahrbuchs zur Religionsfreiheit ist, gehörten, die Zitadelle von Erbil. Die Führung wurde von Mitarbeitern der Barzani Charity Foundation (BCF) organisiert, die der Delegation mit­teilten, dass die BCF derzeit dabei sei, ein eigenes Geschichtsmuseum in der Zita­delle zu eröffnen. Der Tag endete mit einem Abendessen mit BCF-Mitarbeitern im tra­ditionellen kurdischen Restaurant Qazuan.

Der Mittwoch begann mit einem Besuch im Flüchtlingslager Baharka, wo die ISHR-Delegation von Botan, dem Koordinator für Binnenvertriebene (IDPs), und Abdulkadr, dem Lagerleiter (beide Mitarbeiter der BCF), begrüßt wurde, die ihnen die Arbeit der BCF vor Ort vorstellten. Es stellte sich heraus, dass das Lager hauptsächlich Familien ehemaliger IS-Kämpfer beherbergt.

Die Männer/Väter sind oft inhaftiert oder tot, was die Notlage der zurückgelas­senen Frauen und Kinder noch verschärft. Das La­ger wurde 2014 eröffnet und bietet laut Lagerlei­tung immer noch 181 Familien (865 Personen) Schutz und Unterkunft. Die größte Herausfor­derung besteht darin, den Binnenvertriebenen die notwendigen Dienstleis­tungen zur Verfügung zu stellen, auf die sie nach humanitären Standards Anspruch haben.

Delegation von Erzbischöfen verschiedener Kirchen bei der Union islamischer Gelehrter in Erbil, Kurdistan © ISHR

Nach Angaben der BCF-Mitarbeiter kümmert sich die irakische Zentralregierung in Bagdad kaum noch um das Lager und die dort lebenden Menschen. Strom und fließendes Wasser sind rund um die Uhr verfügbar. In allen anderen Bereichen gibt es jedoch erhebliche Mängel: Lebensmittelversorgung, Hygiene, Bildung und Gesund­heit. Die Zentralregierung hat seit mehr als zwei Jahren keine Hygieneartikel mehr ge­liefert, es gibt keine medizinische Grundversorgung im Lager, und die Menschen müssen bei Krankheit oder Verletzungen in das nahegelegene Erbil fahren.

Darüber hinaus gibt es in den wenigen Schulen weder Lehrer noch Schreibmateria­lien. Interessanterweise leben im Lager auch palästinensische Familien, die vor vielen Jahrzehnten zunächst in die Region Mosul geflohen waren und nach 2014 als Binnen­vertriebene im Lager Baharka Schutz suchten. Während ihres Rundgangs durch das Lager traf die ISHR-Delegation einen Mann mittleren Alters, der ihnen seine proviso­rische Behausung zeigte – bestehend aus Ziegelwänden und blauen Planen, die als Dach straff darüber gespannt waren. Er bat die Delegation um finanzielle Unter­stützung, um das alte und abgenutzte Dach zu ersetzen, und schätzte den benötigten Betrag auf umgerechnet etwa 80 Euro. Die Hilfe wurde sofort zugesagt, mit der Bitte an Khalil Al-Rasho, die tatsächliche Bereitstellung der Hilfe sicherzustellen und zu überwachen.

Vom Lager aus begab sich die Delegation zur Union islamischer Gelehrter, wo sie von deren Präsidenten, Mulla Abdulla Waisi, empfangen wurde. Es folgte eine lebhafte theologische Diskussion zwischen Erzbischof Professor Schirrmacher und dem isla­mischen Gelehrten über die Sichtweisen zum Einsatz von Gewalt und zur Bekäm­pfung religiösen Extremismus in Islam und Christentum.

Am Ende des Treffens kam eine Delegation christlicher Führer in den Besprechungs­raum, um gemeinsam Präsident Mulla Abdulla Waisi zum 55-jährigen Jubiläum der Union islamischer Gelehr­ter zu gratulieren. Profes­sor Schirrmacher kannte alle anwe­senden christ­lichen Führer persönlich, insbesondere den rö­misch-katholischen Erz­bi­schof Warda und den syrisch-orthodoxen Erz­bi­schof Nicodemus, so­dass es ein freudiges Wie­der­sehen war.

Das Mittagessen fand auf persönliche Einladung des Präsidenten der Barzani Charity Foundation (BCF), Musa Ahmed, im Haupt­sitz der BCF statt, nach­dem Professor Schirr­macher ihm im Rahmen eines offiziellen Empfangs in den Räumlichkeiten des BCF-Präsidenten im Namen der ISHR für die langjährige hervorragende Zusammen­arbeit gedankt hatte.

Nach dem Mittagessen bat der BCF-Präsident Professor Schirrmacher, vor etwa 150 BCF-Mitarbeitern und Auszubildenden zu sprechen, die sich zu ihrer regelmäßigen Mitarbeiterversammlung im Veranstaltungssaal auf dem BCF-Gelände versammelt hatten. In seiner Rede betonte der ISHR-Präsident die Bedeutung eines durch den Glauben motivierten und gestärkten Engagements für die Menschenrechte, das alle BCF-Mitarbeiter durch ihre tägliche Arbeit in verschiedenen Bereichen der Organisation in idealer Form verkörperten. Die Gelegenheit, diese Rede zu halten, war ein weiteres Zeichen für die enge und vertrauensvolle Beziehung, die sich über viele Jahre zwischen ISHR und BCF entwickelt hat.

Am Nachmittag besuchte die Delegation S. E. Ano Jawhar Abdoka, den Minister für Verkehr und Kommunikation, in seinem Büro in Erbil. Der Minister ist auch der Vertre­ter der Christen im Ministerrat der Regionalregierung Kurdistans. Herman Berwari, Generaldirektor des Ministeriums, und Dr. Jamal, Generaldirektor für Kommunikation und Postdienste, nahmen ebenfalls an dem Treffen teil. Während des Gesprächs betonte Minister Ano die lange Geschichte der Toleranz und Koexistenz, die Kurdistan auszeichnet. Er bot der ISHR an, jederzeit als Informationsquelle und Ansprechpart­ner zur Verfügung zu stehen. Er sprach auch über das erste Nationale Gebetsfrüh­stück, das im April 2025 stattfand und von ihm mit veranstaltet wurde, und bot an, Vertreter der ISHR zum zweiten Gebetsfrühstück im Jahr 2026 einzuladen.

Anschließend machte sich die gesamte Delegation auf den Weg nach Dohuk, um am frühen Abend Lalish, das spirituelle Zentrum der Jesiden, sowie das Rabban-Hormizd-Kloster in Alqosh zu besuchen. Des das Rabban-Hormizd-Kloster ist ein wichtiger Wallfahrtsort für Assyrer, Chaldäer und syrische Christen, der heute in erster Linie mit der chaldäisch-katholischen Kirche in Verbindung gebracht wird, obwohl er seinen Ur­sprung in der Kirche des Ostens (nestorianische Tradition) hat. In Lalish traf die Dele­gation Baba Chauish, einen der höch­sten spirituellen Führer der Yeziden weltweit, und erfuhr im Gespräch mehr über die aktuelle Lage der jesidischen Gemeinschaft weltweit.

Nach der Rückkehr nach Erbil am spä­ten Abend traf sich die ISHR-Delega­tion mit Kerstin Spriesterbach, die im deutschen Generalkonsulat in Erbil für den Bereich der deutschen Entwick­lungszusammenarbeit zuständig ist. Eine wichtige Erkenntnis aus den spät­abendlichen Gesprächen auf der Ter­rasse des Radisson Hotels in Erbil war, dass die Aufrechterhaltung des Flücht­lings- oder Binnenvertriebenenstatus der Menschen in den Lagern in Kur­distan zunehmend zu einem Problem wird, da die Budgets für die Versorgung und den Unterhalt der Lager aufgrund der jüngsten globalen politischen Ent­wicklungen – vor allem der Auflösung der USAID durch US-Präsident Donald Trump – immer knapper werden, wäh­rend sich die Aussichten auf eine Rückkehr in ihre traditionellen Siedlungsgebiete – für die Jesiden vor allem die Region um Sinjar – verschlechterten. Erschwerend kommt hinzu, dass die – ohnehin schon mageren – Rückkehrhilfen für die Menschen in den Lagern nun vollständig gestrichen wurden.

Präsident der Union islamischer Gelehrter, Mulla Abdulla Waisi, mit Thomas Schirrmacher und der ISHR-Delegation zum 55. Jahrestag der Union © ISHR

Die Zukunftsaussichten und die internationale Geberstrategie für eine langfristige, nachhaltige Stabilisierung der Lage in Kurdistan sind daher völlig offen und unklar. Dies muss von einem einflussreichen Akteur in den internationalen diplomatischen Bemühungen der Weltgemeinschaft in Bezug auf Kurdistan und den Aktivitäten zahl­reicher Staaten im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit kohärent und dringend deutlich gemacht werden, um sicherzustellen, dass die wenigen verfügbaren Ressour­cen für wirklich nachhaltige Lösungen für Kurdistan eingesetzt werden. Derzeit scheint die internationale Zusammenarbeit mit Kurdistan eher zufällig und ziellos zu sein, oder, um es milder auszudrücken, „mehr vom Gleichen“.

Am Donnerstag, dem 25. September, dem letzten Tag der Delegationsreise, besuchte die ISHR-Delegation den Justizminister der kurdischen Regionalregierung S. E. First Ahmed. Dieser Besuch im Ministerium war für die ISHR von besonderer Bedeutung, da der ISHR-Länderdirektor im Irak, Dr. Krmanj Othman, als leitender Rechtsberater im Justizministerium tätig ist und dort auch sein Büro hat. Die Kontakte zum Justiz­minister und seinen unmit­telbaren Mitarbeitern sind entsprechend herzlich. Unter anderem wurde die Bereitschaft der ISHR dis­kutiert, Rechtstexte aus Deutschland und anderen Ländern ins Arabische zu übersetzen und dem Jus­tizministerium zur weiteren Verwendung zur Verfü­gung zu stellen.

Anschließend besuchte die Delegation S. E. Omed Xoshnaw, den Gouverneur von Erbil, in seinem Re­gierungsgebäude. Neben den Mitarbeitern des Gouverneurs nahm auch Naz Jalal Saleem, Direktor für Migra­tion und Krisenbewältigung der Provinz Erbil, an dem Treffen teil. Der Gouverneur brachte seine tiefe Dankbarkeit und Begeisterung für die Arbeit der ISHR in Zusam­menarbeit mit der BCF zum Ausdruck und bedankte sich überschwänglich, indem er dem Präsidenten der ISHR ein besonderes Geschenk überreichte: eine hochwertige, gerahmte Miniaturansicht der Zitadelle von Erbil. Die Zitadelle ist direkt vom Eingang seines Palastes aus zu sehen.

Flüchtlingslager Baharka in Kurdistan © ISHR

Die Provinzverwaltung versicherte den Vertretern der ISHR, dass sie sich jederzeit mit Fragen oder Anliegen an die Provinzverwaltung wenden könnten und dass man alles tun werde, um ihnen zu helfen. Dies ist in erster Linie das Ergebnis der langjährigen, hochwertigen Arbeit von Dr. Krmanj Othman und Khalil Al-Rasho. Während des Besuchs beim Gouverneur betonte der Präsident der ISHR, dass dies die 46. Delega­tionsreise von Khalil Al-Rasho nach Kurdistan war, was den Umfang seiner langjähri­gen Arbeit verdeutlicht.

Auf dem Weg zum Flughafen wurde schließlich Dr. Dlovan M. F. Jalal, Generaldirektor für Gesundheit in Erbil im Gesundheitsministerium der Regionalregierung Kurdistans, besucht. Dr. Dlovan ist ein langjähriger Freund und Begleiter der Arbeit der ISHR, der bereits zweimal an der Jahreskonferenz der deutschen Sektion der ISHR teilgenom­men hat. Während der Jahreskonferenz 2023 ehrte er Thomas Schirrmacher mit einer besonderen Medaille. Derzeit kandidiert er für das irakische Nationalparlament und hofft, bei den Wahlen im November einen Sitz zu erlangen. Er versprach auch, die Arbeit der ISHR in Kurdistan weiterhin nach besten Kräften zu unterstützen, wofür der Präsident und der Generalsekretär der ISHR ihm ihren aufrichtigen Dank ausspra­chen.

Downloads und Links

  • Foto 1: Thomas Schirrmacher mit S. E. First Ahmed, Justizminister von Kurdistan © ISHR
  • Foto 2: Minister für religiöse Stiftungen von Kurdistan, S. E. Dr. Pishtiwan Sadiq, und seine wichtigsten Direktoren mit einer gemeinsamen Delegation der ISHR und der Barzani-Stiftung © ISHR
  • Foto 3: Delegation von Erzbischöfen verschiedener Kirchen bei der Union islamischer Gelehrter in Erbil, Kurdistan © ISHR
  • Foto 4: Präsident der Union islamischer Gelehrter, Mulla Abdulla Waisi, mit Thomas Schirrmacher und der ISHR-Delegation zum 55. Jahrestag der Union © ISHR
  • Foto 5: Lalisch Baba Chauish und Thomas Schirrmacher im zentralen Heiligtum der Jesiden in Kurdistan © ISHR
  • Foto 6: Flüchtlingslager Baharka in Kurdistan © ISHR
  • Internetseite der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (ISHR): https://ishr.org
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