Friedenspolitik in einem religiös und historisch aufgeladenen Konflikt
(Wiesbaden/Bonn, 05.10.2026) Der armenische Premierminister Nikol Pashinyan ist am 18. September 2026 im Hessischen Landtag in Wiesbaden mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet worden. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung der Albert-Osswald-Stiftung würdigt Persönlichkeiten, die sich um die Beendigung oder Verhinderung gewaltsamer Konflikte, um Gewaltprävention und Völkerverständigung verdient gemacht haben.
Diplomatie gegen Widerstände
Landtagspräsidentin Astrid Wallmann erklärte, die jüngsten Fortschritte im Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan gehörten zu den bedeutendsten politischen Entwicklungen im südlichen Kaukasus. Die Auszeichnung würdige Pashinyans Verdienste in diesem Prozess und setze ein sichtbares Zeichen für Verständigung und gewaltfreie Konfliktlösung. Bei der Verleihung wurde Wallmann von Landtagsvizepräsidentin Dr. Daniela Sommer vertreten.
Sommer betonte, es sei kein einfacher Weg, den Pfad der Auseinandersetzung in einem jahrzehntelang strukturell gewaltgeprägten Konflikt zu verlassen. Pashinyan habe Verantwortung übernommen und einen Weg des Dialogs und der Diplomatie eingeschlagen, um neue Perspektiven für Armenien und seine Menschen zu schaffen.
Serap Güler: politischer Mut und europäische Orientierung

Die Laudatio hielt Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Sie erinnerte an Pashinyans Weg als Journalist und Oppositioneller, an Verfolgung und Haft sowie an seine führende Rolle in der gewaltfreien „Samtenen Revolution“ von 2018. Sein politischer Weg sei von Mut, Haltung trotz Gegenwind, Verantwortungsbereitschaft und der Fähigkeit geprägt, eigene Überzeugungen zu hinterfragen.
Pashinyan habe in einer Region Verantwortung übernommen, in der Konflikt, Misstrauen und Gewalt lange politische Normalität gewesen seien, und Armenien die Chance eröffnet, seine Zukunft stärker aus den Möglichkeiten des Friedens zu bestimmen. Güler würdigte zugleich Armeniens engere Partnerschaft mit Europa als Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie als Ausdruck armenischer Selbstbestimmung und Souveränität.
Ingmar Jung: „Der Weg zum Frieden ist selten der einfache Weg“
Der hessische Staatsminister Ingmar Jung hob hervor, dass Frieden Mut, Ausdauer und die Bereitschaft zu schwierigen Entscheidungen verlange – besonders dann, wenn diese im eigenen Land auf Widerstand stießen. Die Auszeichnung sei zugleich eine Botschaft über Armenien hinaus: Nicht Konfrontation, sondern Ausgleich könne einen Weg in die Zukunft eröffnen.
Auch Jung verwies auf Pashinyans Hinwendung zu Europa. Diese werde als Ausdruck des Vertrauens in Europa, in gemeinsame Werte und in die Kraft europäischer Zusammenarbeit verstanden.
Pashinyan: Frieden muss gefestigt werden
Pashinyan selbst erklärte nach der Auszeichnung, Frieden dürfe nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Er müsse gepflegt, institutionalisiert und so gefestigt werden, dass er stabil und irreversibel werde. In seiner Dankesrede würdigte er ausdrücklich auch den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev und erklärte, dieser verdiene den Friedenspreis ebenso. Er dankte außerdem den Bevölkerungen beider Länder für ihre Bereitschaft, den Weg des Friedens mitzutragen.

Schirrmacher gratuliert als erster nach der Zeremonie
Unmittelbar nach Abschluss der Preisverleihung war Erzbischof Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM/ISHR), der erste Gast, der Premierminister Pashinyan persönlich gratulierte. Aus der Gratulation entwickelte sich ein persönliches Gespräch.
Schirrmacher stellte Pashinyan dabei auch die Mitglieder der IGFM/ISHR-Delegation vor. Sie stellte – abgesehen von der armenischen Begleitung des Premierministers – die größte Delegation bei der Preisverleihung. Zu ihr gehörten unter anderem IGFM/ISHR-Generalsekretär Matthias K. Böhning, Dr. Carmen Krusch-Grün, Mitglied des Internationalen Rates und verantwrotlich für Osteuropa, Valerio Krüger als Sprecher und Geschäftsführer der Deutschen Sektion, und Artem Kryvulia. Eine halbe Stunde später hatten Pashinyan und Schirrmacher nochmals Gelegenheit zu einem ausführlicheren persönlichen Gespräch.
Dabei lud der Premierminister Schirrmacher und die ISHR/IGFM-Delegation zu einem Besuch nach Armenien ein, die Planungen dazu sind in vollem Gange.
Religiöse und historische Dimension des Konflikts
Schirrmacher verwies gegenüber dem Premierminister auf seine langjährigen Erfahrungen in Armenien und Aserbaidschan. Als international tätiger christlicher Religionsführer habe er beide Länder wiederholt besucht und dabei erlebt, wie stark der Konflikt nicht nur national und territorial, sondern auch religiös und historisch aufgeladen sei.
Gerade deshalb würdigte Schirrmacher Pashinyans Entscheidung, die Waffen schweigen zu lassen und auf eine politische Verständigung mit Aserbaidschan zu setzen. Seit Februar 2024 ist auf armenischer Seite kein Soldat mehr infolge einer Verletzung des Waffenstillstands ums Leben gekommen.
Schirrmacher sprach mit Pashinyan auch darüber, dass dessen Friedenskurs gerade wegen der religiösen und historischen Dimension des Konflikts innenpolitisch besonders angreifbar sei. Gegner werfen dem Premierminister vor, mit seiner Politik gegenüber Aserbaidschan das armenische Erbe Bergkarabachs und insbesondere das dortige jahrhundertealte christliche Erbe preisgegeben zu haben.
Davon zu unterscheiden, wenn auch teilweise damit verbunden, ist die grundlegende Auseinandersetzung zwischen Pashinyans Regierung und der Armenischen Apostolischen Kirche über deren gesellschaftliche und politische Rolle. Sie fällt zugleich in eine Phase außenpolitischer Neuorientierung Armeniens mit einer stärkeren Hinwendung zu Europa und einer zunehmenden Distanz gegenüber der traditionellen Abhängigkeit von Russland.
Schirrmacher dankte Pashinyan besonders dafür, dass dieser in seiner Dankesrede ausdrücklich auch Präsident Aliyev gewürdigt hatte. Gerade angesichts der langen Geschichte gegenseitiger Feindbilder sei es ein bemerkenswertes Zeichen, den Anteil der anderen Seite am Zustandekommen des Friedens öffentlich anzuerkennen.

Hintergrund
Der Hessische Friedenspreis wird seit 1994 von der Albert-Osswald-Stiftung vergeben. Pashinyan, Jahrgang 1975 und früher Journalist, wurde nach der „Samtenen Revolution“ 2018 Premierminister Armeniens. Seitdem verfolgt Armenien unter seiner Regierung eine stärkere Betonung staatlicher Souveränität und vertieft die Beziehungen zu Europa. Das Ziel eines EU-Beitritts hat seit 2025 in Armenien Gesetzesrang.
Die IGFM/ISHR unterhält seit vielen Jahren eine Sektion in Armenien. Zu deren Arbeitsfeldern gehören Menschenrechte, demokratische Strukturen, Medienkompetenz, Fact-Checking und die Auseinandersetzung mit Desinformation.
Downloads und Links
- Foto 1: ISHR-Präsident Prof. Dr. Thomas Schirrmacher gratuliert dem armenischen Premierminister Nikol Pashinyan zum Hessischen Friedenspreis im persönlichen Gespräch unmittelbar nach der Preisverleihung © ISHR/Martin Warnecke
- Foto 2: Im Gespräch am Rande der Preisverleihung (von links): Dr. Carmen Krusch-Grün, Matthias K. Böhning und Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Mitglieder des Internationalen Rates der IGFM/ISHR, mit Staatsministerin Serap Güler, die zuvor die Laudatio auf Nikol Pashinyan gehalten hatte © ISHR/Martin Warnecke
- Foto 3: Der armenische Premierminister Nikol Pashinyan bei seinen Dankesworten nach der Verleihung des Hessischen Friedenspreises im Hessischen Landtag in Wiesbaden © ISHR/Martin Warnecke
- Foto 4: Mitglieder der IGFM/ISHR-Delegation mit Premierminister Nikol Pashinyan nach der Preisverleihung (von links): Dr. Carmen Krusch-Grün, IGFM-Referat Osteuropa; Michael Gahler MdEP; Valerio Krüger, Sprecher der deutschen IGFM-Sektion; Erzbischof Prof. Dr. mult. Thomas Paul Schirrmacher, Präsident des Internationalen Rates der IGFM/ISHR; Nikol Pashinyan, Premierminister der Republik Armenien; Matthias K. Böhning, ISHR-Generalsekretär; und Artem Kryvulia, IGFM-Referat Osteuropa © ISHR/Martin Warnecke
- Foto 5: Prof. Dr. Thomas Schirrmacher mit dem armenischen Premierminister Nikol Pashinyan und ISHR-Generalsekretär Matthias K. Böhning nach der Preisverleihung © ISHR/Martin Warnecke
- Foto 6: Nach der Verleihung des Hessischen Friedenspreises (von links): Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, ein Attaché von Premierminister Nikol Pashinyan, Karl Starzacher, ehemaliger Präsident des Hessischen Landtags und Vorsitzender des Kuratoriums der Albert-Osswald-Stiftung, sowie Premierminister Nikol Pashinyan © ISHR/Martin Warnecke
- Hessischer Landtag: „Nikol Pashinyan hat den Weg des Dialogs eingeschlagen“ (18.09.2026)
- International Society for Human Rights: „Nikol Pashinyan awarded the Hesse Peace Prize“ (21.09.2026)
- Hessenschau: Hessischer Friedenspreis an Nikol Pashinyan im Landtag überreicht
- FAZ: Hessischer Friedenspreis für Nikol Pashinyan