(Bonn, 15.05.2026) Ein neuer wissenschaftlicher Aufsatz von Erzbischof Thomas Paul Schirrmacher untersucht die historischen Beziehungen zwischen dem frühen Christentum und dem Judentum und konzentriert sich dabei auf die nachhaltigen Auswirkungen des Konzils von Nicäa (325 n. Chr.). Der Aufsatz ist in dem kürzlich erschienenen Band „Their Lord and Ours: The Enduring Legacy of Nicaea“ (Reihe „World of Theology“, Band 33) enthalten.
In seinem Beitrag argumentiert Schirrmacher, dass das Konzil von Nicäa eine entscheidende Stufe in der Loslösung der christlichen Kirche von ihren jüdischen Wurzeln markierte. Während er die theologische Bedeutung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses bekräftigt, hebt er hervor, wie politische und kulturelle Faktoren – insbesondere unter Kaiser Konstantin – dazu beitrugen, das Christentum von jüdischen Traditionen zu entfernen.
Ein zentraler Schwerpunkt des Aufsatzes ist die Entscheidung des Konzils, das Datum von Ostern vom jüdischen Passahfest zu trennen. Laut Schirrmacher symbolisierte dieser Schritt eine umfassendere Entwicklung hin zur Definition einer eigenständigen, nicht-jüdischen christlichen Identität. Er legt ferner nahe, dass solche Entscheidungen weniger von biblischen oder theologischen Überlegungen als vielmehr von den vorherrschenden antijüdischen Einstellungen der Zeit beeinflusst waren.
Der Aufsatz erörtert zudem die offensichtliche Abwesenheit jüdisch-christlicher Vertreter auf dem Konzil und interpretiert dies als Teil eines umfassenderen Prozesses, in dem sich die Führung der Kirche bereits von ihren jüdischen Ursprüngen entfernt hatte. Schirrmacher verweist auf historische Belege, die darauf hindeuten, dass es jahrhundertelang weiterhin jüdische Anhänger Jesu gab, auch wenn sich das institutionelle Christentum zunehmend von ihnen distanzierte.
Darüber hinaus untersucht der Autor Konstantins Politik und Rhetorik und beschreibt diese als offen feindselig gegenüber Juden und als prägend für die spätere christliche Haltung und Gesetzgebung. Er argumentiert, dass diese Entwicklungen den Grundstein für langfristige theologische und soziale Spaltungen zwischen Christentum und Judentum legten.
Trotz dieser kritischen Perspektive vertritt Schirrmacher die Auffassung, dass die in Nicäa bekräftigten zentralen christologischen Erkenntnisse weiterhin in der biblischen Tradition verwurzelt sind. Sein Aufsatz fordert weitere Forschungen zu den frühen jüdisch-christlichen Gemeinschaften und regt zu einer zeitgenössischen Reflexion über die historische Beziehung des Christentums zum Judentum an.
Der Aufsatz ist Teil des Bandes „Their Lord and Ours: The Enduring Legacy of Nicaea“, der eine Reihe wissenschaftlicher Perspektiven zur anhaltenden Bedeutung des Nicänischen Glaubensbekenntnisses zusammenführt.
Downloads und Links
- Der Aufsatz „Nizäa und die Trennung der christlichen Kirche von ihren jüdischen Wurzeln“ von Thomas Schirrmacher: https://thomasschirrmacher.info/?p=25511
- Das Buch „Their Lord and Ours: The Enduring Legacy of Nicaea“: https://thomasschirrmacher.net/?p=25204
- BQ 924 – 29/2026 „WEA veröffentlicht Buch zum 1700-jährigen Jubiläum von Nizäa“: https://bonner-querschnitte.de/?p=12409