BQ 926 – 31/2026
„Pornocracy“ – Das ultimative Buch gegen die Pornodiktatur und deren Profiteure

Eine Rezension und Empfehlung von Thomas Schirrmacher, Autor von „Internetpornografie“. Erstmals erschienen in Christian Daily International

(Bonn, 13.05.2026) Das ist das beste Buch gegen die Diktatur der Pornografie und diejenigen, die davon profitieren. Ich schreibe das als Autor eines ähnlichen Buches über Internetpornografie (auf Deutsch, Russisch und Rumänisch, 2010) sowie weiterer veröffentlichter Forschungsartikel aus den Jahren 1985 bis 2026 und als jemand, der seit vier Jahrzehnten gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution, sexuellen Missbrauch und Pornografie in sozialen Medien, die sich an Jugendliche richten, kämpft.

„Pornocracy“ von Jo Bartosch und Robert Jessel (Polity: Cambridge, 2025, 192 S.) ist eine umfassende Kritik daran, wie die moderne Pornografiebranche zu einer beherrschenden Kraft in der westlichen Kultur, Politik und im Privatleben geworden ist. Die Autorin und der Autor argumentieren, dass wir in einer „Pornokratie“ leben: einer Gesellschaft, in der politische Macht, Kultur, Beziehungen und persönliche Identität von der Logik und Bildsprache der Pornografie geprägt und zunehmend gesteuert werden. Pornografie erscheint dabei nicht als unbedeutende Privatangelegenheit, sondern als ein milliardenschweres System, das Frauen ausbeutet, sexuelle Normen verzerrt und die Vorstellung von Intimität, Einverständnis und Geschlechterrollen radikal verändert.

Anhand von Sozialforschung, Fallstudien und politischen Debatten zeigen Bartosch und Jessel, dass Pornografie buchstäblich das Gehirn umgestaltet: Sie erhöht die Empfindlichkeit für sexuelle Reize, dämpft aber gleichzeitig die Reaktion auf reale Partnerinnen und Partner und schwächt damit Partnerschaften und Ehen. Die Autoren führen an, dass ein intensiver Pornokonsum mit sexistischeren Einstellungen bei Jugendlichen, Zunahme von sexueller Gewalt sowie einer Normalisierung von Aggression, Würgen und Demütigung im Sexleben korreliert – selbst bei Menschen, die Pornografie nicht selbst nutzen, aber ihre kulturellen Muster übernehmen. Das Buch beschreibt zudem, wie die Industrie von ideologischen Narrativen geschützt wird, die Pornografie als „Befreiung“ und männlichen Konsum als „natürlich“ darstellen, und wie schwache Regulierung sowie AI-basierte Sextech-Produkte und Algorithmen Nutzer in immer extremere Inhalte hineinziehen.

In den letzten Kapiteln wendet sich „Pornocracy“ Lösungen zu und fordert eine kulturelle wie politische Neuorientierung an der Würde des Menschen, der relationalen Sexualität und der Verletzlichkeit von Frauen. Die Autoren plädieren für striktere gesetzliche Grenzen für Pornografie, ehrlichere Aufklärungs- und Gesundheitskampagnen sowie eine stärkere Auseinandersetzung von Kirchen, Feministinnen und Politik mit der Wechselwirkung zwischen Pornografie, Patriarchat, digitalem Kapitalismus und postmodernem Sexualbegriff. Während einige Kritiker das Buch als übertrieben und teilweise panikgetrieben einstufen, sehen Unterstützer es als provokantes und dringendes Plädoyer, sichtbar zu machen, wie tief Pornografie das menschliche Miteinander in der digitalen Welt verändert hat.

Die Hauptargumente von „Pornocracy“ lassen sich in vier Kernpunkten zusammenfassen:

1. Pornografie als „Pornokratie“

Bartosch und Jessel argumentieren, dass Pornografie längst keine bloße „Privatangelegenheit“ mehr ist, sondern eine mächtige, globalisierte Industrie, die Begehren, Beziehungen und gesellschaftliche Normen prägt – eine „Pornokratie“, in der Sexualität durch kommerzialisierte Bilder und Algorithmen gesteuert wird. Sie betonen, dass man nicht einmal aktiv Pornografie schauen muss, um deren Auswirkungen zu erleiden, weil sie schon die Kultur, Geschlechterverhältnisse und die Vorstellung von Liebe und Intimität durchdrungen hat.

2. Ausbeutung, Gewalt und gesundheitliche Schäden

Das Buch macht die systematische Ausbeutung von Frauen, einschließlich der Zunahme von Gewalt, Choking, Demütigung und simulierte Missbrauchsszenen, zum Zentrum der Kritik. Hinzu kommt die These, dass Pornografie Gehirn und Sexleben von Nutzern umprogrammiert, was zu Beziehungs- und Eheproblemen, Pornografieabhängigkeit und steigender sexueller Gewalt führt, weil „Generation Porn“ vor dem ersten echten Kuss Extremszenen konsumiert hat.

3. Politische und kulturelle Akteure als Komplizen

Die Autoren zeigen, wie die Pornografie-Lobby Politik, Medien und Teile des Bildungswesens beeinflusst, etwa durch gezielte Lobbyarbeit, Anzeigenschutz vor Regulierung und die Durchsetzung einer „Sex-positiven“ Bildung, die ihnen zufolge den Kommerzialismus der Sexualität verharmlost. Sie kritisieren besonders bestimmte Strömungen des Feminismus und der Gender-Theorie, die sie als „zombie feminism“ und „sex-positive“ Agenda bezeichnen, die die Pornografisierung von Sexualität decken und dabei die Erfahrungen vieler Frauen verdrängen.

4. Pornografie als existenzielle Bedrohung menschlicher Beziehungen

Schließlich plädieren Bartosch und Jessel dafür, Pornografie als gesellschaftlichen und psychischen Krisenfaktor zu begreifen, der echte menschliche Beziehungen, Intimität und Empathie untergräbt; Männer würden zu isolierten „Masturbations-Puppen“ auf einem Algorithmus-Förderband, Frauen zu Objekten. Sie fordern klare Grenzen, stärkere Regulierung, Aufklärung über die Risiken und eine Erneuerung der Sexualität auf der Grundlage von Beziehung, Würde und gegenseitigem Respekt – auch wenn sie selbst eine alternative, positiv formulierte Ethik nur unvollständig ausarbeiten.

Was unterscheidet das neue Buch von bisherigen Büchern über oder gegen die Pornografie-Diktatur, einschließlich meines eigenes Buches „Internetpornografie“?

Erstens geht es den Autoren, im Gegensatz zu rein wirtschafts- oder medienkritischen Analysen, nicht in erster Linie um Unternehmensmacht oder Medienkonvergenz, sondern um Pornografie als moralische und kulturelle Ordnung, die Begehren, Einverständnis und menschliche Würde neu formt. Sie beschreiben Pornografie als eine „Pornokratie“ – als ein System, in dem gesellschaftliche Normen, Politik und Beziehungen von der Logik der Pornografie geprägt und gesteuert werden – und argumentieren dabei nicht aus explizit religiöser, sondern aus einer säkularen, humanistischen Ethik, die Gewalt, Ausbeutung und die Sexualisierung von Kindern scharf verurteilt.

Zweitens hebt sich „Pornocracy“ durch seine starke Betonung von Schockbeispielen, algorithmisch gesteigerter Extremisierung und der Verwischung von Grenzen ab, etwa zwischen legaler Pornografie, simulierter Gewalt und kinderpornografischem Material. Viele andere Kritiken, gerade feministische oder arbeitsrechtlich orientierte Studien, bemühen sich stärker, konsensuelle, erwachsene Sexarbeit von Missbrauch und Trafficking klar zu trennen, während Bartosch und Jessel bewusst eine verschwimmende, bedrohliche Bildwelt konstruieren. Gleichzeitig ist der thematische Bogen des Buches sehr breit: Es verknüpft Pornografie mit KI, Sextech, kostenlosen Streaming-Plattformen und einer „Zombie-Feminismus“-Kritik, die angeblich kommerzialisierte Sexualität verteidigt.

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