Christine Schirrmacher würdigt Marie Kahle im Alten Schloss in Gießen
(Bonn, 19.06.2026) Die Bonner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher hielt auf Einladung des Oberhessischen Geschichtsvereins im Rahmen der Veranstaltung „Wider das Vergessen“ im Netanya-Saal des Oberhessischen Museums im Alten Schloß der Stadt Gießen einen öffentlichen Vortrag „Marie Kahle (1893–1948) als Widerständlerin im Dritten Reich“. In Bonn war Marie Kahle als Gegnerin des NS-Regimes bekannt. Sie protestierte gegen die Boykotte jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte, versteckte zeitweise Juden im Dachgeschoss ihres Hauses und rettete 1939 ihren Ehemann, den damals weltberühmten Orientalisten Paul Kahle (1875–1964) und ihre fünf Söhne vor der Verfolgung durch die Gestapo. Schirrmacher beleuchtete die Familiengeschichte und das Widerstandshandeln Marie Kahles, das zur Auseinandersetzung mit den Macht- und Herrschaftsideologien in dunklen Zeiten mahnt.
Mit der Universitätsstadt Gießen ist die Thematik „Paul und Marie Kahle“ direkt verknüpft, weil Paul Kahle hier 1914 seinen ersten Lehrstuhl der Orientalistik erhalten hatte und in Gießen auf dem Alten Friedhof eine kleine Gedenkplakette angebracht wurde.

Nach der Zerstörung jüdischer Synagogen und Geschäfte in Bonn während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 half Marie Kahle gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Wilhelm, das zerstörte Miederwarengeschäft einer Bekannten in der Bonner Kaiserstraße aufzuräumen, wurde dabei jedoch von einem Polizisten zur Rede gestellt. Danach begann eine gnadenlose Hetzjagd: Marie Kahle wurde von der Gestapo einbestellt, ihr Sohn von der Universität relegiert und Paul Kahle, Professor für Orientalistik an der Bonner Universität, suspendiert sowie schließlich mit Hausverbot belegt.
Die Familie geriet immer stärker unter Druck: Zeitungen prangerten Familie Kahle als „Volksverräter“ an, Schmierereien und Einbruchsversuche in ihr Haus folgten. Marie Kahle musste sich zeitweise im Kloster der Benediktinerinnen in Bonn-Endenich verstecken, während ein „Familienfreund“ ihr Selbstmord nahelegte, um den Kindern Schlimmeres zu ersparen. Im Kloster fand Marie Kahle Trost und Zuspruch und konvertierte zum katholischen Glauben. Im März 1939 konnte Marie Kahle in letzter Minute die dramatische Flucht der siebenköpfigen Familie nach England organisieren: Nur Stunden vor der Grenzschließung erreichten auch die Söhne per Schiff die englische Küste. Die Familie verlor Haus, Vermögen, Ruf, Professur und 1941 auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Im Frühjahr 1939 in England angekommen, dokumentierte Marie Kahle ihre Erlebnisse in ihrem Bericht „What would you have done?“ („Was hätten Sie getan?“), eine Frage, die sich auch an die Nachwelt richtet. Schirrmacher hob hervor, dass diese Geschichte zeige, dass Widerstand oft in kleinen, alltäglichen Dingen und Handlungen beginne, die Leben retten könnten.
Christine Schirrmacher, Professorin für Islamwissenschaften und Nahoststudien an der Universität Bonn, beschäftigt sich seit einigen Jahre mit dem Nachlass von Marie und Paul Kahle, der rund 15.000 Dokumenten in 15 Archiven im In- und Ausland umfasst.
Der Oberhessische Geschichtsverein (OHG) ist ein 1878 in Gießen gegründeter regionaler Geschichtsverein zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte Oberhessens; er initiierte bereits 1879 die Gründung des heutigen Oberhessischen Museums, gibt seit 1889 die wissenschaftliche Zeitschrift „Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins“ (MOHG) heraus und organisiert Vorträge, Exkursionen, Publikationen sowie Projekte zur Denkmalpflege und Regionalgeschichte.
Downloads und Links
- Foto 1: Benedktinerinnen-Kloster Maria Hilf in Bonn wo Maria Kahle Zuflucht fand © BQ/Schirrmacher
- Foto 2: Einladung zum Vortrag in Gießen © BQ/Schirrmacher
- Foto 3: Beleuchtete Gedenkplakette für Marie Kahle in der Bongasse in Bonn © BQ/Schirrmacher
- Foto 4: Altes Schloss Gießen, Ort der Veranstaltung und Sitz des Oberhessischen Geschichtsvereins © Wikipedia/Emha
- Foto 5: Erinnerungen von Marie Kahle – englische Originalausgabe von 1945
- Foto 6: Gedenkplakette für Marie Kahle am Wohnhaus der Familie Kahle in der Kaiserstrasse in Bonn © BQ/Schirrmacher
- Foto 7: Wohnhaus der Familie Kahle in der Kaiserstrasse in Bonn im Jahr 2020 © BQ/Schirrmacher